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Nun tu´ doch etwas, Jesus!

Eine Hochzeit. In Kana. Der Wein geht zuende. Das erste Wunder geschieht. Eine bekannte Geschichte. Aber so bekannt diese Geschichte auch ist, so dicht und geheimnisvoll ist sie doch. Voller Andeutungen. Wie sollte es auch sein, wenn das Evangelium so tief beginnt: Im Anfang war das Wort. Und Er, Jesus, ist es ja – das Wort.

Eine Hochzeit. Eine Familiengeschichte. Eine Mutter, die drängt. Ein Sohn, der unwirsch reagiert. Vielleicht wie so viele Söhne: „Mama, Du bist echt peinlich!“?

Nein, da ist mehr in diesem Mutter-Sohn-Streit. Es ist Maria, die Mutter Gottes. Die Frau, die Worte über ihren Sohn unter ihrem Herzen getragen hat. Und dann ist sie ja vielleicht doch wie so viele andere Mütter, die etwas Besonderes in ihrem Sohn sehen und es kaum erwarten können. Ihn drängen, vielleicht sogar Vorwürfe machen: „Nun, komm doch endlich mal in die Puschen!“

Und Maria hat ja recht: Ihr Sohn ist der Auserwählte. Der Messias. Der Sohn Gottes. Soll er es doch endlich zeigen, sich endlich offenbaren: „Mein Sohn, zeige doch, dass Du der Sohn Gottes bist. Du kannst es doch!“ (Nebenbei gesagt: Josef, sein irdischer Vater, ist scheinbar schon nicht mehr da. Es ist nur noch von Maria die Rede und von seinen Brüdern. Nochmal nebenbei: Hatte Jesus eigentlich Schwestern und sind die einfach unterschlagen worden?)

Das ist eine gefährliche Frage: Du kannst das doch. Du bist doch der Sohn Gottes. Zeige doch, dass Du der Sohn Gottes bist. Wie viel fehlte daran, dass Jesus an dieser Frage gescheitert wäre? Wie viele Tage ist es her, dass Jesus in der Wüste war und genau dieser Frage gegenüberstand: „Bist Du Gottes Sohn? Bist Du wirklich Gottes Sohn? Dann solltest Du diese Steine in Brot verwandeln können. Ach ja, das wäre schließlich gerade eine richtig gute Gelegenheit. Du hast ja gerade extremen Hunger.“

Nun muss man dazu wissen, dass das mit dem Brot nicht so zufällig ausgewählt worden ist. Jesus war nicht der Erste, der beanspruchte, der Messias zu sein – und er war nicht der Letzte. Die Menschen damals hatten sich einen Test ausgedacht, wie sie den Messias erkennen können: Er musste die gleichen Wunder wie Moses (und Elia) vollbringen. Bei Moses gab es in der Wüste das Brot des Himmels. Die Frage an Jesus lautete also: „Und wie es bei Dir – mit dem Brot?“ (Nebenbei gesagt: Heute haben viele auch einen Test an Gott: Wenn er Gott ist, dann muss er doch den Hunger in der Welt stillen und alle Probleme lösen.)

Seine Mutter Maria rührt also an den wunden Punkt Jesu. Die Versuchung in der Wüste ist noch nicht so lange her – und die nächsten Versuchungen werden nicht lange auf sich warten lassen – bis hin zum Kreuz: „Bist Du wirklich Gottes Sohn? Dann steige vom Kreuz herunter!“ Wie gerne hätte Jesus das getan! Wie sehr hat er sich gewünscht, dass dieser Kelch an ihm vorübergehe.

Ich weiß nicht, wie souverän Jesus die Versuchungen bestanden hat. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es einfach so mühelos war. Dass er die Versuchungen nur so pro forma durchstanden hat – und ein Durchfallen schlicht nicht möglich war. In Gethsemane schwitzte er Blut dabei. Wie bewusst war sich Jesus, dass er der Sohn Gottes war? Waren da Zweifel in ihm? Waren es auch seine eigenen Stimmen, die zu ihm sprachen: „Bist Du der Sohn Gottes? Dann solltest Du die Steine in Brot, das Wasser in Wein verwandeln können!“

Ist es deswegen, dass Jesus seine Mutter so hart, fast wütend anfährt, all seinen Respekt fallen lässt und sie anredet, wie irgendeine Frau – und nicht so wie seine Mutter?

Über mein eigenes Leben weiß ich, dass ich ein Sohn Gottes bin. Wunderbar gemacht. Mit einzigartigen Fähigkeiten. Mit Eigenschaften und Ansichten, die es so im Gesamtpaket kein zweites Mal gibt. Als Gott mich das erste Mal sah, da staunte er – und er tut es immer noch. Ich bin ihm nicht langweilig geworden. Ich weiß, dass ich einen Platz in der Welt habe und eine Aufgabe. Etwas, das nur durch mich – und auf diese Weise nur durch mich gelöst werden kann.

Aber nicht immer bin ich mir da sicher: Manchmal dröhnen die Stimmen in mir, die mich in Frage stellen: „Bin ich wirklich ein Sohn Gottes? Bin ich wirklich so wunderbar gemacht? Dann sollte es mir doch gelingen, diese Aufgabe zu lösen!“ (Die große Aufgabe im Leben, die sich immer in den vielen kleinen Aufgaben des Alltags äußert.) In der Wüste meines Lebens, in der Krise, im Feuerofen, in der Löwengrube, wo mir einiges einfach nicht gelingt, ich einfach scheitere.

Wenn dann die Melodie in mir nicht mehr klingt: „Du bist gut, sehr gut gemacht!“, sondern es blechern dröhnt: „Du SOLLTEST gut, sehr gut gemacht sein.“ Dann wird mein Leben anstrengend. Dann renne ich dem hinterher, was ich eigentlich schon lange in Händen halte.

Und manchmal dröhnen die Stimmen nicht nur laut in mir: Dann sind es Menschen, die es gut mit mir meinen. Und Menschen, die mich nicht verstehen. Und Menschen, die es böse mit mir meinen: „Nun tu´ doch endlich etwas, André!“

Dabei ist doch schon alles getan. Es ist alles vollbracht.

Als der Versucher zum ersten Mal in das Leben der Menschen trat, wollte er ihnen etwas verkaufen, was sie schon lange hatten: Sie sollten sein wie Gott. Wie kann ein Mensch noch mehr wie Gott sein, wenn er schon im Ebenbild Gottes geschaffen ist?


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