Mein Feind, mein Feind ist gestorben! Mit wem soll ich denn
jetzt noch die Wahrheit entdecken? —Autor unbekannt


Der Feind ist der wahre Freund

Es geht stürmisch zu im Film »Yentl«: wildes Diskutieren unter den Studenten. Arme und Hände fuchteln umher. Schlagfertig werden Argumente ausgetauscht. Augen starren gebannt auf das Gegenüber. Studenten mitten in ihrem Alltag. Irgendwo in Osteuropa im vorletzten Jahrhundert in einer kleinen, jüdisch geprägten Stadt.

Das kennen wir heute kaum noch. Lernen und auch Auseinandersetzung mit spirituellen Texten sind oft eine trockene Übung, von der wir früher oder später gelangweilt sind. Ganz anders als im rabbinischen Judentum, von dem der Film Yentl erzählt. Jeder Student bekommt einen »Haver«, einen etwa gleich starken Sparring-Partner, an die Seite gestellt, mit dem er durch die Studienzeit geht. In Yentls Fall ist es der Mitstudent Avigdor, mit dem Yentl leidenschaftlich diskutiert. Dabei geht es darum, Wahrheiten tiefer und in immer mehr Facetten zu entdecken.

So eine Freundschaft bereichert und verändert. Es ist kostbar, wenn man mit einem Freund die Wahrheit diskutieren, suchen und entdecken kann. Das gilt sogar und gerade dann, wenn der Freund einen an seine Grenzen bringt.

Davon erzählt auch die Geschichte eines Rabbis, der weinend durch das Dorf lief, weil sein größter Feind gestorben war. »Warum trauerst du?«, fragten ihn die Leute erstaunt. Der Rabbi antwortete: »Mit wem soll ich denn jetzt noch die Wahrheit entdecken?«

Ein Haver ist nicht jemand, der dir immer zustimmt. Sondern einer, der sich mit deinen Gedanken auseinandersetzt und dir widerspricht. Nicht weil er selbst von seiner Meinung so fest überzeugt ist, sondern weil dadurch weitere Facetten deines Denkens zum Vorschein kommen. Einen solchen Freund brauchst du nicht, wenn deine Ansichten über diese Welt schon fein säuberlich sortiert sind. Wenn du nicht bereit bist, dich und dein Leben infrage stellen zu lassen.

Um einen solchen Lern-Freund zu finden, musst du hungrig nach Wahrheit und nach Veränderung sein. Dazu gehört auch die Bereitschaft, deine Ansichten hinterfragen zu lassen. Außerdem der Wille, nicht länger mit Entschuldigungen für deine Marotten, Macken und Ticks herumzulaufen.

Es ist schwer, einen Haver zu finden. Aber du kannst üben, ein gutes Gegenüber zu sein. Setze dich mit Meinungen auseinander, die dir gegen den Strich gehen. Wenn du immer eine bestimmte Zeitung liest, dann lies mal eine andere. Wenn du gegen Atomkraft bist, dann versuche, jemanden zu verstehen, der dafür ist. Wenn du dir so Offenheit bewahrst, wirst du andere anziehen, die ähnlich weit und offen denken.

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schlicht + einfach FreundeMein Text über Freundschaft und Lernen

zuerst veröffentlicht in
Kerstin Hack
Freunde. schlicht + ergreifend
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