Mit dem Wort Gottes, aufgeschrieben in der Bibel, begann etwas Neues in der Menschheitsgeschichte. Etwas, das sie unterschied von den Mythen und Geschichten ihrer Umgebung. Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben. Legenden und Mythen sind Werkzeuge der Stärkeren, um ihr Handeln zu rechtfertigen.

Das ist anders in der Bibel. Sie ist aus der Sicht der Opfer geschrieben. Das macht sie zu einem einzigartigen, wahrhaftigen Dokument.

Der erste Mordfall der Weltgeschichte wartet nicht auf seine Auflösung. Die Fakten wurden nicht vom Sieger Kain verfälscht. Er wird als das benannt, was er ist: der Brudermörder.

Der Missbrauch von Davids Erstgeborenen an seiner Schwester wird nicht beschönigt und im Namen einer falsch verstandenen Familienehre unter den Teppich gekehrt.

Der Mord und der Ehebruch des Königs Davids, eines Mannes, dem wir den Großteil der Psalmen verdanken, wird schonungslos aufgedeckt.

Noch viele Geschichten lassen sich finden in der Bibel von Josef, Jakob und anderen.

Es sind die Aussenseiter, die Wehrlosen und Schwachen, über die die Märchen und Mythen verbreitet werden. Etwa so: Es ist Hungersnot. Menschen neiden sich den letzten Bissen Brot und fallen über sich her. Gewalt breitet sich aus, die in ihrem Hunger vielleicht bis zum Kannibalismus führt. Als Hänsel und Gretel tot sind, wird eine einsame Frau am Rande des Dorfes zur Hexe verklärt und vom Mob gelyncht. Das Märchen lässt die Schuld des Dorfes vergessen und schiebt sie einer Frau ohne Verwandten zu, die sie verteidigen könnten.

Oder wie es in “Die Hütte” nicht beschrieben ist: eine Krankheit und Krise breitet sich in einem Indianerstamm aus. Der Mob voller Rage und Verzweiflung sucht eine Schuldige und stürzt ein hilfloses Mädchen vom Felsen in den Tod. Der Mythos verklärt das als selbstloses Opfer des Mädchen, das sich selbst in den Tod stürzt, um das Volk zu retten.

René Girard hat diesen Sündenbockmechanismus aufgedeckt. Die Bildung von Märchen und Mythen, um den Mord des Mobs am Wehrlosen zu verschleiern. Er entlarvt darin den Satan als Mörder von Anfang an und Vater der Lüge.

Er entdeckt dabei eine weitere, eine andere Bedeutung des Kreuzes. Die Evangelien sind ein minutiöses Protokoll eines Mordes an einem Unschuldigen. Klar wird hier die Schuld der Mächtigen, der Römer, und der Religiösen, der Juden, benannt und die Unschuld des Hingerichteten. Und mit diesem Augenblick, so schreibt Girard, an dem die Schuld der Vielen und die Unschuld des Einen so ans Licht gezogen wird, da strahlt dieses Licht nun in alle Zeiten hinein. Wo dieses Zeugnis vom Kreuz bekannt ist, wird es nie wieder möglich sein, den Unschuldigen durch den Mob der Vielen zu morden und diese Tat zu verschleiern. Immer wird jetzt irgendwann (wenn auch zu spät) aufstehen und sagen: “Der war doch unschuldig und das wisst ihr auch!”. Nie wieder wird man jemanden ohne schlechtes Gewissen als Opfer morden können.

Dump the myths – schmeisst die Mythen und Märchen in die Tonne – das ist die andere Wirkung des Kreuzes. In einer christlichen, auch vermeintlich nachchristlichen Gesellschaft zu leben, bedeutet immer auch die Stimme des Opfers zu hören. Sie nicht mehr überhören zu können. Das Kreuz und das Wort Gottes haben den Opferkult zerstört. Das können die nicht verzeihen, die das Opfer suchen.

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René Girard: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz
Insel Verlag | Taschenbuch | 254 Seiten | Eur 12,00
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