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„Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.“ Römer 1,18

Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart

Verkündet Paulus ein anderes Evangelium als Jesus – oder ist es doch das Gleiche? Ein Vergleich des Römerbriefs mit dem Gleichnis von den Verlorenen Söhnen. Dieser Artikel ist der dritte Teil einer Reihe, wo ich die Argumentation von Paulus im Römerbrief mit der Gedankenfolge im Gleichnis des Verlorenen Sohnes vergleiche. Heute geht es darum, ob Gottes Zorn im Gleichnis wiederzufinden ist.

Das Gleichnis von den Verlorenen Söhnen ist eine Geschichte voller Zorn. Zuerst der Jüngere Sohn: Voller Zorn wünscht er seinen Vater den Tod an den Hals, indem er sein Erbe von ihm einfordert. Das Gleichnis hat also eine Vorgeschichte. Vermutlich über lange Zeit staut sich der Zorn auf den Vater an. Woher der Zorn entspringt? Darüber gibt es keine Aussage. Vielleicht ist das auch nicht wichtig. Schaut man sich die biblischen Väter an – etwa Adam, Abraham, Isaak, David – so hätten die Söhne allen Grund gehabt, zornig zu sein. Außerhalb der Bibel wird so mancher sagen können, warum er zornig auf seinen Vater ist.

Dann sind da noch die Brüder – spinnefeind. Der Ältere sieht den Zorn und die ruchlose Tat des Jüngeren, aber er greift nicht ein, wie es seine Aufgabe wäre als Ältester. Wahrscheinlich war es ihm nur allzu recht, dass der Jüngere entgleist und er wartet auf die gerechte Strafe für seinen Bruder: Enterbt und fortgejagt zu werden. Auch von Rivalitäten zwischen den Brüdern ist die Weltgeschichte voll. Da macht es das nicht besser, dass der Jüngere – vermutlich schon wieder! – bevorzugt wird und tatsächlich sein Erbe erhält.

Auch der Ältere Sohn ist zornig auf seinen Vater. Auch er will sein Erbe endlich haben, wählt dabei nur einen anderen Weg: Er arbeitet und schuftet und beweist seinen Anspruch auf das Erbe – und geht dem Vater sonst aus dem Weg. Verbittert und zornig arbeitet er über Jahre auf dem Feld.

Es ist eine durch und durch kaputte Familie. Der eine Sohn abgehauen, der andere Sohn spricht nicht mehr mit seinem Vater – und der Vater selbst trauert. Unfähig sich zu bewegen, weder nach dem Jüngeren zu suchen noch zu dem Älteren aufs Feld zu gehen. Der Vater und König David hat einen Berater gehabt, der ihn austrickste, damit er endlich aus seiner Trauer erwacht und seinen Sohn nach Hause holt*. Das hat dieser Vater nicht.

Was der Vater gemacht hat, um so einen Zorn zu provozieren, wissen wir nicht. Auch der Ältere lebt nach außen hin ein tadelloses Leben. Über das Vergehen des Jüngeren können wir genau Auskunft geben: Er wünscht dem Vater den Tod. Über die ganze Familie ist der Zorn ausgegossen, aber über den Jüngeren wird am deutlichsten, wie er sich der Zorn offenbart: Wer Vater und Mutter nicht ehrt, der wird nicht lange leben in seinem Land und muss fortziehen in ein fernes Land – und dort zugrunde gehen. Solange bis er zu Sinnen kommt und seinen Vater wieder respektiert**.

Wir müssen uns diese Verlorene Familie als eine zornige Familie vorstellen.


* 2. Samuel 13, 38 – 14,33
** Ein ausführlicher Bezug dieses Gleichnisses zum Vierten Gebot wird hier hergestellt: André Springhut: Auf dass Du lange lebest in dem Land

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