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Ich bin in den Weltraum geflogen, aber Gott habe ich dort nicht gesehen.
Juri Gagarin, der erste Mensch im All.

Bei einem Fatal Error geht gar nichts mehr: Bestenfalls stürzt das Programm einfach nur ab, oft hilft auch nur den Laptop herunterzufahren. Auch in unserem Glauben und unserem Leben gibt es Fatal Error, die unser Leben oder unseren Glauben zum Absturz bringen. Lese mehr über „Fatal Error“ im ersten Blogbeitrag dazu.

Oft produzieren wir diesen Fatal Error selbst. Manchmal aber wird mit viel Raffinesse ein Schadcode von außen in unser Leben gebracht. Der Virus Stuxnet, der die iranischen Atomanlagen angriff und teilweise zerstörte, ist ein Meisterwerk darin. Monatelang wurde er von Spezialisten programmiert und selbst bestens abgesicherte Systeme konnte er überwinden. Das eigentliche Fiese an ihm war allerdings, dass er seinen Schaden unbemerkt vollziehen konnte. Er hat nicht für einen Totalausfall mit viel Rauch und Qualm gesorgt, sondern hat die Rotationsfrequenz der Zentrifugen für die Urananreicherung nur ein wenig verändert. Das konnte man in Routineuntersuchung nicht bemerken und nach und nach zerstörte sich eine Zentrifuge nach der Anderen.(2) Der Stuxnet des christlichen Glaubens ist die Behauptung, dass Gott weit weg ist, irgendwo da draußen.

Einer der einflussreichsten deutschen Theologen Immanuel Kant hat – zugegeben etwas komplizierter – formuliert: Wir sind hier und Gott ist da draußen. Gott ist nicht erfahrbar. Gott ist nicht erlebbar. Gott ist nicht beweisbar. Im Grunde hat er sich das aber nicht selbst ausgedacht, sondern hat bei Platon abgeschrieben: Wir sind wie Menschen in einer Höhle und alles, was wir von der Wirklichkeit (also auch von Gott) wahrnehmen, sind Schattenspiele an der Wand. Platonische Freundschaften sind gut, aber nicht in unserer Beziehung zu Gott.

Über einen langen Zeitraum haben Christen das geglaubt: Alles, was zählt, ist die Bekehrung und die Wartezeit bis zum Himmel ist so eine Art Fegefeuer, ein Ausharren in einer bösen Welt. Kein Wunder, dass der russische Kosmonaut erst ins Weltall fliegen musste – und Gott dort auch nicht finden konnte: Wenn Gott nicht mitten unter uns ist, dann ist er nirgendwo.

„Das Reich Gott ist mitten unter uns.“ sagt Jesus und da ist keine Spannung zwischen dem was wir erleben und dem was noch kommen soll. Schon im Alten Testament haben sich die Menschen beschwert, dass der Gottesdienst furchtbar langweilig ist: „Wir gehen zum Gottesdienst. Wir fasten. Wir geben unseren Zehnten. Wir üben unsere religiöse Praxis. UND DU hörst uns nicht an.“ Gott ist nicht erfahrbar für sie. Schon damals sagt Gott wie das Reich Gottes mitten unter sie kommen könnte:

Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! … Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Jesaja 58, 6,7,9,10

Der russische Kosmonaut Gagarin hätte nicht ins Weltall fliegen müssen, er hätte einfach Christen erleben müssen, die einander lieben, um Gott zu entdecken:

Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. Joh 13,35

Das Reich Gottes, Gott selbst, ist nicht irgendeine jenseitige Erfahrung. Das Reich Gottes ist etwas, das hier, heute und jetzt erfahrbar ist und erfahrbar sein muss: Das Reich Gottes ist mitten unter uns. Wenn Menschen sich anfangen zu lieben, nicht im Sinne eines Poesiealbumverses, sondern im Sinne von 1. Korinther 13:

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. 1. Korinther 4-7

Das Reich Gottes hat keine geographischen Koordinaten und ist auf keinem Navi zu finden und ist doch genau 1 Meile lang (1): Es entsteht immer genau dort, wo Menschen bereit sind, die Extrameile zu gehen, wo sie die linke Wange hinhalten.

Das Reich Gottes ist hier, heute und jetzt erfahrbar, wo einer die Last des anderen trägt. Das Reich Gottes ist der Ort, wo wir aufgehört haben, einander zu richten und wo wir das teuflische Spiel beendet haben, für alles und jedes einen Sündenbock zu suchen.

Das Reich Gottes ist kein metaphysisches Ereignis, das Theologen und Philosophen vorbehalten ist, sondern es ist der Ort, wo sich Gott ganz und gar mit dem Menschen identifiziert:

Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. 1. Joh 4,20

Indem wir das Reich Gottes auf eine jenseitige Welt verschoben haben, haben wir einen Virus in der Art von Stuxnet in unser Leben gelassen: Es hört sich alles so schön fromm und christlich an, aber die Rotationsfrequenz wurde ein wenig verändert: Nach und nach wird still und heimlich der ganze christliche Glaube zerstört: Erst ist Gott nicht erfahrbar, dann ist Gott tot, dann ist Gott Opium fürs Volk, dann ist er ein Konsumgut auf dem Religionsmarkt …

Das ewige Leben fängt jetzt an oder es fängt niemals an:
Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes. 1. Joh 5,13

Entweder ist Gott in Eurer Mitte erfahrbar oder er ist für euch und die in eurer Umgebung sowieso nicht relevant.

PS. Keine Bange. Ich glaube auch eine jenseitige Dimension Gottes. An sein übernatürliches Eingreifen. An Himmel und Hölle. Aber wir haben Gott zu sehr verkürzt aufs Jenseits.

Quellen:
(1) Paul Gibbs: The Line and the Dot
(2) http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,769221,00.html