Melanie Möllenbruck: Steinmauer in Schweden


Kains Coach II – Die Steine

Kain!

Hrmmmm!

Kain, wo bist Du?

Siehst Du doch, ich gehe!

[ Pause ] Darf ich mitkommen?

Ich kann Dich nicht daran hindern.

Kain, was bewegt Dich?

Ach, weiß nicht, mir geht es nicht so gut. Die Arbeit auf dem Felde ist mühselig – und wenn ich etwas ernten will, dann bleibt wenig über.

Ach, Mensch, Kain. Du arbeitest mühselig – aber es bleibt wenig über. Kain, erzähle mir mal, wie ist das auf dem Felde?

Ach, eigentlich: Ich liebe es. Frühmorgens auf dem Felde zu stehen, wenn die Sonne aufgeht. Der Tag ist dann noch neu. Die Vögel singen. Weißt Du, das Getreide wächst nicht einfach so. Z.B. letztens habe ich gemerkt, was die Steine im Boden tun – und als ich die alle weggetan habe, da wuchs viel mehr. Auf einmal war alles grün.

Ach, krass. Ich dachte immer, das wäre alles Schicksal. Ob es wächst oder nicht wächst, Gott will es so. Was können wir daran ändern?

Nein. Nein! Natürlich schenkt Gott das eigentliche Wachsen, aber wir können es beeinflussen. Wir können den Boden vorbereiten, die Steine herausnehmen, den Boden auflockern.

Kain [ Pause ] – gibt es Steine in Deinem Leben?

Ja! Und wie! Sie drücken und schmerzen so sehr! Ich bin wütend! Das ist mein Schicksal. Das kann man nicht ändern. Gott will es so, dass wir leiden.

Kain, das ist Dein Schicksal?! Das kann man nicht ändern?! Gott will, dass wir leiden?! Das waren doch eigentlich gerade noch meine Worte: Schicksal! Was können wir daran ändern? [ Pause ] Kain, stelle Dir vor, Du wärest ein Feld und Du wärest der Ackermann. Was würdest Du tun?

Hrrmmm. [ Grummelt ]

Kain, ich habe in Dir einen Menschen gesehen, der es liebt, auf dem Felde zu stehen. Frühmorgens, wenn die Sonne aufgeht. Einer, der die Vögel hört. Du bist jemand, der sieht, was auf dem Feld passiert. Du nimmst das nicht einfach so hin. Du gibst Dich nicht zufrieden. Du bäumst Dich gegen das Schicksal auf. Kain, was würdest Du tun?

Ich würde mir angucken, was passiert. Ich würde gucken, wo etwas Frucht bringt und wo nicht. Ich würde gucken, wo die Steine sind und ich würde sie heraussammeln.

Ist das einfach?

Nein, irgendwie ist das so, als ob die Steine wachsen, also nicht täglich, aber immer wieder und besonders im Frühjahr. Da ist es, als ob sie aus dem Boden sprießen. Immer wieder!

Und Du sammelst sie immer wieder ein?

Immer wieder!

Oh wow. Du bist ein Mensch mit viel Geduld und Ausdauer.

An dieser Stelle trennten sich unsere Wege. Kain ging weiter auf dem Weg zu seinem Acker. Von weiten sah ich, wie Kain die Steine aus dem Boden holte. Ich sah, wie Abel zu ihm kam und über ihn lachte: Du bist ein Ackermann? Wie es aussieht, wärest Du lieber Steinmetz geworden! Kain ergrimmte sehr und senkte seinen Blick finster. Er sah den Stein an, den er in seiner Hand hatte, fühlte, wie er brannte. Seine Hände zitterten vor Wut.

Kain

nahm

den

Stein

und

legte

ihn

zu

den

anderen

Steinen.

Er drehte sich um und ging. Ich bin noch viele Male an diesem Feld vorbeigekommen – und der Steinhaufen wurde jedes Mal größer. Jeder Stein, der da lag, war ein Sieg Kains über sein Schicksal. Jeder Stein war ein Zeichen Kains, dass er überwinden und herrschen konnte – auch über seinen Zorn.


Dieses Gespräch ist aus einer Haverim – Übung heraus entstanden. Was wäre, wenn Du Coach wärest und würdest auf Kain treffen auf seinen Weg von Gott zum Feld, wo er Abel trifft. Wie würde Dein Coaching ablaufen?

Wie wir zu dieser Frage kamen, findest Du hier: Kains Coach – Die Frage


photo (c) Melanie Möllenbruck