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Gott sprach:
Die Erde treibe lebendes Wesen nach seiner Art,
Herdentier, Kriechgerege und das Wildlebende des Erdlands nach seiner Art!
Es ward so.
Gott machte das Wildlebende des Erdlands nach seiner Art und das Herdentier nach seiner Art und alles Gerege nach seiner Art.
Gott sah, dass es gut ist.
Gott sprach:
Machen wir den Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis!
Sie sollen schalten über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels, das Getier, die Erde all, und alles Gerege, das auf Erden sich regt.
Gott schuf den Menschen in seinem Bilde,
im Bilde Gottes schuf er ihn,
männlich, weiblich schuf er sie.
Gott segnete sie,
Gott sprach zu ihnen:
Fruchtet und mehrt euch und füllet die Erde und bemächtigt euch ihrer!
schaltet über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels und alles Lebendige, das auf Erden sich regt!
Gott sprach:
Das gebe ich euch
alles samensäende Kraut, das auf dem Antlitz der Erde all ist, und alljeden Baum, daran samensäende Baumfrucht ist,
euch sei es zum Essen,
und allem Lebendigen der Erde, allem Vogel des Himmels, allem was auf Erden sich regt, darin lebendes Wesen ist, alles Grün des Krauts zum Essen.
Es war so.
Gott sah alles, was er gemacht hatte,
und da, es war sehr gut.
Abend ward und Morgen ward: der sechste Tag.
Martin Buber: Im Anfang

Wir lesen die Schöpfungsgeschichte als Menschen, die wissen, dass es Newton, Edison, Planck und Einstein gegeben hat. Dass wir von ihnen nicht viel mehr wissen, als dass ihnen ein Apfel auf den Kopf gefallen ist und dass einer von ihnen uns die Zunge ausstreckte und nicht sonderlich gut in der Schule war und dass wir noch weniger ihre Theorien verstehen, hindert uns nicht daran hochnäsig auf die Autoren der Genesis zu schauen.

Wir können diesen Text auch als das lesen, was er ist: ein Text der Aufklärung, geschrieben von Menschen, die um ihr Leben fürchten mussten, weil sie Sklaven in einer feindlichen Umwelt waren. Eine Gesellschaft fand Menschen mit neuen Ideen noch nie besonders gut.

Die Genesis-Autoren distanzierten sich von der Götter-Macht der Natur, in dem sie sie beobachteten und in Kategorien einteilten: Licht, Wasser, Himmel, Erde zuerst und jetzt Pflanzen, Vögel, Fische, Landtiere, Insekten und den Menschen. Dabei werden Tiere noch weiter unterschieden in Wildtiere und Herdentiere. (Bei Luther werden die Wildtiere zu Tieren des Feldes verniedlicht.) Dabei wird auch immer etwas von ihrem Wesen deutlich. Eine durchaus wissenschaftliche Herangehensweise.

Bei den Menschen und Tieren haben sie beobachtet, dass sie sich in vielen Dingen ähneln. Es soll ja Menschen geben, die sagen, dass der Mensch vom Affen abstammt. Die Genesis-Autoren sehen diese Artähnlichkeit und sagen: Der Mensch und die Tiere sind am gleichen Tag geschaffen. Da ist ein gleiches Schaffen Gottes, ein gleiches Prinzip dahinter.

Und doch benennen sie Unterschiede. Sie sehen: Der Mensch kann Land urbar machen, Tiere halten, Werkzeuge benutzen, Umstände gestalten, diese Welt bewusst verändern. Das unterscheidet ihn vom Tier.

Deswegen beschreiben die Autoren in der Genesis einen extra Segen für den Menschen, einen extra Auftrag. Sie sollen schalten und walten über diese Schöpfung. Sie sollen nicht einfach nur fressen, was ihnen vor die Nase kommt, sondern Gott gibt ihnen eine reichliche Auswahl, von der sie wählen können. Das wird später in den Speisegeboten noch verfeinert: Nicht gierig das Nächste hereinschlingen, sondern bewusst unterscheiden, was gut ist.

Die Autoren haben beobachtet: Wenn wir so viel Gestaltungsmöglichkeit haben, wenn wir so auf diese Welt einwirken und sie verändern können, wenn wir so über die Welt verfügen: Was unterscheidet uns denn noch von Gott?

Sie sagen, der Mensch ist Gott ähnlich. Er ist nach seinem Bilde geschaffen.

Und noch etwas: Zu einer Zeit, da im Götterhimmel und in der Gesellschaftsordnung Babylons schon die Männerdiktatur ausgebrochen ist, da wird in der Genesis Mann und Frau der gleiche Rang gegeben. Gleichwertig. Männlich, weiblich schuf Gott den Menschen.

Es ist ein Satz, der sich konträr zu fast allen Weltanschauungen stellt und ein Wort, der das nochmal betont: Es ist gut. Es ist sehr gut. Für die Buddhisten ist diese Welt nur etwas Böses, das man überwinden muss. Für die Griechen war sie mit Plato nur ein Schatten einer Idee. Bei den Linken und Grünen muss sich dafür entschuldigen, dass man überhaupt lebt, Dinge verbraucht und atmet. Bei den Babyloniern war der Mensch ein billiger Sklave. All diese Zweifel haben sich tief in uns hineingefressen, so dass wir uns lebensunwert fühlen, sofern wir nicht zuvor schon als lebensunwert erklärt worden sind. Wir lehnen uns ab, bis zur Magersucht.

Gegen all dies stellen sich die Genesis-Autoren: Die Welt ist gut. Der Mensch ist sehr gut. Du bist gelungen und willkommen auf dieser Welt.